10 Vorteile des Tragens für dein Baby und dich

Babys und kleinere Kinder nah am Körper zu tragen ist eine Praxis, die so alt ist wie die Menschheit selbst. Es ist ein Grundbedürfnis nach Körperkontakt, das tief in unseren Genen verankert ist.

Biologen unterteilen den Nachwuchs der verschiedenen Tierarten in Nesthocker, Nestflüchter und Traglinge. Der menschliche Säugling ist kein Nesthocker –  dafür fehlt ihm das entscheidende Kennzeichen: die geschlossenen Augenlider und Gehörgänge.
Der menschliche Säugling ist offensichtlich auch kein Nestflüchter – denn es dauert ca. 1 Jahr, bis er mit den Erwachsenen Schritt halten kann.

 

Sind unsere Babys biologisch gesehen Traglinge?

Dafür sprechen einige Anzeichen:
1. Der Handgreifreflex: Legt man in die Handinnenfläche eines Babys einen Finger, so greift es reflexartig das Händchen zusammen, wobei es erstaunlich kräftig zupacken kann. Dies ist eine Fähigkeit, die aus Urzeiten erhalten geblieben ist, um sich beim Tragenden festklammern zu können. Heute ist dieser Klammerreflex zwar immernoch vorhanden, aber in abgeschwächter Form: Ein Baby kann sich durch diesen Reflex nur noch kurzzeitig und nicht auf Dauer ohne Unterstützung festhalten.

2. Die Beinstellung: Die Oberschenkel sind beim Baby im Hüftgelenk seitlich abgespreizt. Dies ist eine Haltung die typisch für Traglinge ist, die sich mit Händen und Füßen am Körper der Mutter anklammern. Es ist auch die Beinhaltung die ein Säugling einnimmt, wenn ihn ein Erwachsener auf der Hüfte trägt.

3. Die Anhock-Spreiz-Stellung: Das ist die natürliche Trageposition die ein Baby einnimmt, wenn man es hochnimmt. Die Beinchen werden dabei angehockt und die Oberschenkel abgespreizt.

4. Der gerundete Rücken: Dieser ist ideal, um sich an den Tragenden anzulehnen und nicht nach hinten zu fallen.

 

Der menschliche Säugling ist in seinem Verhaltenssystem darauf ausgelegt, der Mutter oder einer anderen Bezugsperson stets körperlich nahe zu sein. Traglinge fühlen sich nur in Verbindung zu ihrer schützenden Bezugsperson sicher. So konzentrieren auch unsere Babys ihre Energie vor allen anderen Bedürfnissen darauf, die Verbindung zu uns stets aufrechtzuerhalten und uns bei Verlassensein durch ihren Alarmruf (Weinen) herbeizuholen.

Tragen ist somit kein neuer Trend, sondern ein tief verwurzeltes menschliches Vorgehen, das sich auch heute noch viele Kulturen beibehalten haben und auch in der westlichen Welt wieder zunehmend beliebter wird. Und das mit gutem Grund. Tragen bietet zahlreiche Vorteile für dein Baby und dich:

 

#1: Dein Baby zu tragen gibt ihm das „Gebärmuttergefühl“ zurück.

Eng an dich gekuschelt und sanft gewiegt fühlt sich dein Baby ähnlich geborgen wie im Mutterleib.
9 Monate hat dein Baby in deinem warmen, gemütlichen Bauch gelebt, wo all seine Bedürfnisse rund um die Uhr befriedigt wurden. Es wurde durch deine Bewegungen geschaukelt, kannte noch keinen Hunger und keine Kälte und war fest gehalten und umgeben von den weichen Wänden der Gebärmutter.
Und plötzlich ist dieses Leben zu Ende und es taucht ein in unsere Welt, die ihm noch so fremd ist, wird überwältigt von zahlreichen Eindrücken, die ungefiltert auf das kleine Baby einströmen. Eltern wussten schon immer, dass es das Neugeborene beruhigt, wenn man ähnliche Bedingungen wie die im Mutterleib schafft. Durch das Tragen im Tragetuch oder einer Tragehilfe wird das Baby in die ihm bekannte Welt zurückversetzt: es wird eng an dich geschmiegt gehalten, geschaukelt, spürt deine Körperwärme, hört deinen beruhigenden Herzschlag, wird vor zu vielen Sinneseindrücken abgeschirmt und fühlt sich rundum wieder „zu Hause“.

 

#2: Getragene Babys schreien weniger

Regelmäßig getragene Babys sind allgemein zufriedener und zeigen weniger Unruhe. Durch das Tragen deines Babys werden seine körpereigenen Wohlfühl-, Liebes- und Glückshormone ausgeschüttet. Zusätzlich findet durch die direkte Nähe eine niedrigschwellige Kommunikation zwischen dir und deinem Baby statt, die auch zu einer verlässlicheren Reaktion auf seine Bedürfnisse führt. Dadurch mindert sich die Schreifrequenz insgesamt um bis zu 43%: getragene Babys verzeichnen eine kürzere tägliche Schreidauer, eine geringere Zunahme des Schreiens bis zur sechsten Lebenswoche und weniger Schreien an Abend.

 

#3: Den Alltag leichter bewältigen dank Babytragen

Mit deinem Baby im Tragetuch oder einer Tragehilfe hast du die Hände frei und brauchst nicht zu warten bis dein Kind schläft, um etwas zu erledigen zu können. Ebenso musst du seinen Schlaf auch nicht unterbrechen, weil du mal eben noch los musst. So bist du weniger angebunden, zeitlich flexibler und insgesamt mobiler – egal ob zu Hause oder unterwegs: du brauchst dir keine Sorgen um unwegsames Gelände oder enge Räume zu machen oder darauf warten, dass dir jemand hilft mit dem Kinderwagen in eine überfüllte Bahn einzusteigen. Egal wohin du gehst – und Babytragend kommst du überall hin – dein Baby hat alles was es braucht: dich!

 

#4: Tragen ist Bonding und stärkt die Liebe von Anfang an

Jedes Baby profitiert vom Getragenwerden – auch und gerade Babys und Eltern die erschwerte Bedingungen oder einen schwierigen Start hatten. Nach einer schwierigen oder traumatischen Geburt, auch wenn die Mutter z.B. von einer Wochenbettdepression betroffen ist, erleichtert das Tragen den Erhalt und Aufbau der Bindung. Durch den engen körperlichen Kontakt wird auch die emotionale Beziehung zwischen beiden gestärkt. Wenn du aus bestimmten Gründen nicht stillen konntest oder wolltest, kannst du den dadurch verlorengegangenen engen Körperkontakt durchs Babytragen im Alltag wieder einbauen. Dies ist auch eine gute Möglichkeit für Adoptivbabys -und Eltern, das Bonding zu stärken und durch das Tragen Berührung und Hautkontakt zu erleben. Frühgeborene profitieren vom Babytragen, z.B. in Form der Kangaroo-Pflege besonders. Die kurze Zeit der Schwangerschaft wird so für das Baby von außen wieder nachgeahmt, umgeben von den bekannten Gerüchen und Geräuschen der Mutter Haut auf Haut zeigen Frühchen eine stabilere Herzfrequenz, leiden weniger und Atemstillständen und wachsen schneller.

 

#5: Tragen wahrt eure Privatsphäre

Babys sind ein beliebtes Ziel von neugierigen Blicken und tätschelnden Händen der Allgemeinheit. Ein Tragetuch oder eine Babytrage ist das ultimative Hilfsmittel um dein Baby vor ungefragten oder unerwünschten Berührungen, Küssen oder auf-den-Arm-nehmen zu bewahren.
Geht es dir um Diskretion, kannst du dein Baby auch in der Trage stillen. Dein Baby und deine Brust sind (je nach Größenverhältnissen) so in der Trage oder im Tuch versteckt, dass andere gar nicht merken, dass du dein Baby gerade stillst.

 

#6: Tragen als Training

Richtiges Tragen im Tuch oder in einer Tragehilfe entlastet deinen Rücken und beugt Rückenbeschwerden vor. Häufiges Tragen von Anfang an stärkt deinen Rücken und trainiert deine eventuell schwache Rückenmuskulatur parallel zur Gewichtszunahme deines Babys.
Viele von Rückenschmerzen geplagte Eltern berichten, dass sie während der Tragezeit ihrer Kinder kaum mehr Rückenprobleme hatten. Ob zu Hause im Alltag, beim Wandern, Tanzen oder Walken: Mit deinem Baby in der Trage trainierst du auf sanfte und stetig zunehmende Weise.

 

#7: Ein getragenes Baby lernt mehr

Im Tuch oder in der Trage ist dein Baby mitten im Leben dabei – ob beim Kochen, Einkaufen, Spazierengehen oder anderen Tätigkeiten, kann dein Baby seine Umgebung und Mitmenschen von einer sicheren Basis aus erleben und bei Interesse mit ihr/ihnen interagieren – und das auf Augenhöhe. So wird seine Wahrnehmung und Sinnesentwicklung unterstützt. Dabei hat dein Kind stets die Möglichkeit sich zurückzuziehen, wenn es genug hat und es sich lieber wieder an deine Brust anschmiegen möchte.
Eltern kommunizieren mehr mit ihrem Kind wenn es getragen wird, indem sie ihm z.B. erklären was sie sehen, interessante Dinge zeigen und schneller auf sein Unbehagen eingehen. Seine Sprachentwicklung und die Verknüpfung von Gehirnzellen wird dadurch ganz einfach und nebenbei gefördert.
Zudem wirkt die Ausschüttung körpereigener Glückshormone beim getragenen Baby wie „Dünger“ auf seine Hirnentwicklung.

 

#8: Tragen fördert die Gesundheit

Durchs Tragen ist dein Baby oder Kleinkind mehr in Bewegung. Die Bewegung regt seinen gesamten Stoffwechsel an und stärkt, besonders auch durch die Kombination mit dem Hautkontakt, sein Immunsystem. Getragene Kinder sind daher im Schnitt weniger krank.
Durch die Bewegung und Körperwärme funktioniert auch die Darmperistaltik und damit die Verdauung deines Babys besser – Blähungen können so vorgebeugt oder gelindert werden.

#9: Tragen als Prävention

Babys haben noch weiche Knochen. Liegt ein Baby sehr viel in der empfohlenen Rückenlage, so kann dies zu einer Verformung und Abflachung des Hinterkopfes führen (Schiefkopf bzw. Plagiocephalie). Bis zu 22% der Säuglinge weisen einen lagerungsbedingten Schiefkopf auf, der neben dem optischen Effekt auch mit einer Fehlhaltung des Kopfes und damit einer beeinträchtigten sensomotorischen Entwicklung verbunden sein kann.
Das Tragen deines Babys stellt damit eine wichtige vorbeugende Maßnahme der Schwerkraftbelastung auf das Köpfchen im Liegen und seine möglichen weitreichenden Folgen dar.
Richtiges Tragen beugt Fehlbildungen der Hüfte vor, indem es die Ausreifung der kindlichen Hüfte unterstützt. Hüftdysplasien kommen bei getragenen Kindern seltener vor.

 

#10: Tragen fördert die elterliche Feinfühligkeit und Kompetenz

Durch den direkten körperlichen Kontakt beim Tragen nimmst du den gesamten Zustand deines Babys umgehend wahr. So erkennst du seine Verfassung, sein Wohlbefinden, Unruhe oder Hungerzeichen frühzeitig z.B. über Bewegungen, Geräusche und Atemrhythmus, bevor dein Baby auf sein letztes Signal, das Schreien umschalten muss um gehört und wahrgenommen zu werden. Die Kommunikation zwischen dir und deinem Baby läuft dadurch entspannter, intuitiver und effektiver ab. Dies wiederum wirkt sich positiv auf die sichere Eltern-Kind-Bindung aus. (Studien zeigen, dass 83 % der getragenen Kinder nach einem Jahr eine sichere Bindung zur Mutter haben – unter den Nicht-Getragenen wiesen nur 38 % eine sichere Bindung auf.)

Beim Tragen werden vermehrt körpereigene Antistress- Glücks- und Liebeshormone ausgeschüttet. Durch diese fühlst du dich deinem Kind verbundener, steigerst dein eigenes Wohlbefinden und kannst nebenbei auch deine Milchbildung richtig gut ankurbeln.

 

 

Foto: Elisabeth Farnsworth Photography

Kommentare

  1. Blume

    Schade, ich hätte mein Kind gerne getragen. Leider hat es Probleme mit dem Rücken und Schmerzen bei diversen Tragesystemen. Bindungsgestört ist er aber keineswegs. Das kuscheln wird zu Hause nach geholt. Er schreit nur wenn er Hunger hat oder Müde ist. Man sollte nicht immer verallgemeinern…

    1. Olivia

      Hallo Blume,
      Tragen ist eine aber nicht die einzigste Möglichkeit für Körperkontakt und Bindungsaufbau mit dem Baby. Ihr habt es anders gemacht und es hat für euch so gepasst – wunderbar! Allgemein ist es aber tatsächlich so, dass getragene Kinder nachweislich weniger schreien durch verschiedene Gründe, die auch oben genannt wurden. Davon brauchst du dich persönlich aber nicht angegriffen zu fühlen.
      Alles Gute euch!

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