Neues aus der Forschung: Wie sicher schläft das Baby im Familienbett?

Im vergangenen Jahr sorgte eine Studie von Carpenter et al. für Aufregung: er behauptete, das gemeinsame Schlafen von Mutter und Kind würde das Risiko für SIDS (plötzlicher Kindstod) deutlich erhöhen. Kritiker merkten damals an, dass in Carpenters Studie klassische Risikofaktoren wie Rauchen oder Alkoholkonsum der Eltern nicht berücksichtigt worden waren (siehe dazu auch die Stellungnahme einiger deutscher Kinderärzte und Wissenschaftler). Eine aktuelle Studie von Peter Blair und Kollegen zeigt nun hingegen, dass das Bedsharing (Familienbett) von reifgeborenen Kindern in sicherer Schlafumgebung (kein Sofa) und unter Ausschluss der bekannten Risikofaktoren (nicht rauchen, kein Alkohol- oder Drogenkonsum) das SIDS-Risiko nicht erhöht. (1)

Die Original-Studie (englisch) ist vollständig und frei verfügbar.

 

 

 

Der Stand der Forschung (2)

Dass die Frage »Wo soll mein Baby schlafen?« bei Eltern als erstes Angst und Sorge auslöst, steht in einem merkwürdigen Kontrast zu den Entwicklungen in der SIDS-Forschung, die eigentlich in den letzten Jahren viel Grund zu Entspannung, ja, zu Optimismus liefert, und das in mehrfacher Hinsicht:

Die SIDS-Fälle haben deutlich abgenommen – sie kommen heute 10 mal seltener vor als noch vor 25 Jahren. Verstarben im Jahr 1991 in Deutschland noch 1286 Babys am Plötzlichen Kindstod, so waren es im Jahr 2012 nur noch 131. Und das nicht etwa, weil das geteilte Elternbett aus der Mode gekommen wäre – diese Praxis ist heute nicht seltener als damals. Auch in anderen OECD-Ländern sind die Zahlen um etwa 90% gesunken. Das heißt: Der Plötzliche Kindstod ist noch immer eine reale Gefahr – aber er ist zu einem sehr seltenen Ereignis geworden.

Die Daten zeigen außerdem das immer gleiche Muster: Praktisch alle SIDS-Fälle sind heute mit bestimmten, grundsätzlich vermeidbaren Risiken verbunden: die betroffenen Babys wurden in den weitaus meisten Fällen nicht gestillt (es ist schon seit längerem bekannt, dass Stillen das SIDS-Risiko um etwa 50% senkt), ihre Mütter sind zumeist Raucherinnen, oder es sind Alkohol, Drogen oder Schlafmittel im Spiel. Oder das Baby wurde in einer unsicheren Schlafumgebung gebettet – etwa auf einer Couch . Oder es wurde in Bauchlage ins Bettchen gelegt. In vielen neueren Studien lässt sich praktisch kein SIDS-Fall mehr finden, bei dem nicht ein besonderes, meist vermeidbares Risiko vorgelegen hätte.

Die SIDS – Forschung dreht sich deshalb heute immer öfter um eine ernst zu nehmende Frage. Könnte es vielleicht sein, dass die rigiden Empfehlungen gegen das geteilte Elternbett selbst zu einer Gefahr für die Babys werden? Etwa, weil manche Mutter das nächtliche Stillen als so anstrengend empfindet, dass sie eher damit aufhört? Oder weil sie ihr Kind nachts dann vielleicht in einer unsicheren Umgebung stillt, wie etwa auf einem Sessel – und dort mit dem Baby einschläft? Und, so fragen etwa Entwicklungspsychologen und Bindungsforscher – was bedeutet die Angst vor dem gemeinsamen Schlaf für Familien, deren Baby im eigenen Bettchen einfach unruhig und unzufrieden ist? Wird dadurch nicht der sowieso belastende Übergang ins Familienleben noch schwieriger als er ohnehin schon ist? Wird dadurch nicht vielleicht der Aufbau eines wichtigen »Entwicklungskapitals« erschwert, nämlich einer sicheren, verlässlichen Beziehung?

 

Zum Weiterlesen: der Blog von Kinder-verstehen.de

 

 

Quellen:

(1)  www.stillen-institut.com

(2) Dr. Herbert Renz-Polster

Kommentare

  1. Esther

    Danke! Für eine junge Frisch-Mami wie mich sehr beruhigend!! Da bei uns keiner der Risikofaktoren zutrifft, kann ich wohl endlich mal aufhören mir tausend Gedanken zu machen 😉

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