Flitterwochen mit deinem Baby: Das Wochenbett und seine Bedeutung

 

 

Das Wochenbett früher und heute

 

Das Wochenbett war ursprünglich ein Begriff für das Bett, in dem sich die Frau nach der Geburt ausruhte. Die Bettruhe wurde dabei ziemlich streng und wörtlich genommen, bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts galt ein striktes Aufstehverbot in den ersten 9 Tagen. Dies war durchaus ein Schutz für die Mutter, die sonst, sobald sie auf den Beinen gewesen wäre, wieder die harte Haus-und Feldarbeit aufnehmen hätte müssen.
Für die Rückbildung, besonders im Hinblick auf den Beckenboden, und auch die Wundheilung (Geburtsverletzungen wurden nicht oder mit sehr dickem Nahtmaterial genäht), wäre dies verheerend gewesen.
So wurde die Wöchnerin in dieser Zeit von Familienmitgliedern und Nachbarn versorgt und verwöhnt und konnte sich – wie sonst nie in ihrem Leben – endlich einmal ausruhen. Und es herrschte ein großes Bewusstsein darüber, dass die Wöchnerin diese Zeit der Ruhe braucht, um die Rückbildung und Wundheilung zu unterstützen.

Mit der Verbreitung der Krankenversicherung nach der Nachkriegszeit und der Übernahme der Kosten für die Geburt und 10 Tage klinische Wochenbettbetreuung, verlagerten sich Hausgeburten und das häusliche Wochenbett zunehmend in die Krankenhäuser.

Durch eine immer kürzere Liegedauer im Krankenhaus hat sich heute das Wochenbett wieder, bis auf meist die ersten 3 Tage, wieder in den häuslichen Bereich verlagert.
Heute finden wir andere Lebensbedingungen vor, vieles ist leichter geworden und hat sich verbessert. Statt Wäsche schrubben zu müssen, steht eine Waschmaschine bereit. Harte, körperliche Arbeit ist nicht mehr der Alltag der meisten Frauen. Es gibt eine gute medizinische Versorgung im Falle von Komplikationen.
Das Mutterschutzgesetz hat ein Beschäftigungsverbot für die ersten 8 Wochen nach der Geburt festgelegt. Auch Väter können Elternzeit bei Ihrem Arbeitgeber beantragen.

Beste Voraussetzungen, das Wochenbett zu genießen?

 

 

Die Bedeutung des Wochenbetts 

Das Wochenbett bekommt heute leider nur noch wenig Bedeutung und das volle Potential, das in dieser Zeit liegt und das so viel Erfüllung und Glück mit sich bringen kann, wird selten voll ausgeschöpft.
Es ist schon komisch, dass wir in unserem Leben alles möglichst optimal planen und vorbereiten wollen, wenig wird dem Zufall überlassen. Wer würde schon in den Urlaub fahren, ohne sich vorher über mögliche Unterkünfte, das Klima oder Sehenswürdigkeiten vor Ort zu informieren? Oder in die Flitterwochen nach der Hochzeit starten und einfach losfahren, ohne Plan wohin es gehen soll? Das kommt doch eher selten vor und die meisten werden viel Zeit investieren um an gute Informationen und Empfehlungen zu gelangen, um diese Zeit zu einem besonders schönen Erlebnis werden zu lassen.

Ganz anders sieht es jedoch aus, wenn es an die Planung und Organisation des Wochenbetts geht: hier lässt man eine der veränderndsten und wichtigsten Abschnitte im Leben einfach auf sich zukommen und hofft, dass es gut werden wird. Komisch – oder nicht?

Im Prinzip ist es nicht verwunderlich: Es gibt heute keine/ kaum Rituale für diese Zeit nach der Geburt für die Mutter, das Neugeborene oder die Familie. Es fehlt der Erfahrungsschatz und das Eingebundensein durch die Großfamilie. Und als zu erreichendes Ziel wird uns durch unsere Umgebung und/oder die Medien vermittelt, dass es erstrebenswert ist, schnell wieder die zu sein, die man vorher war: fit und schlank, zurück im „normalen“ Leben.

Und so versinkt das „moderne Wochenbett“ nicht selten in Überforderung, dem erschwerten Aufbau einer festen und liebevollen Beziehung zum Baby oder Beziehungsproblemen.

 

Viele Prozesse, Umstellungen und Neuorientierungen finden in der Zeit des Wochenbetts statt:

  • Das Kennenlernen eines neuen Menschen
  • Das Knüpfen eines lebenslangen Liebesbandes mit deinem Kind
  • Die hormonelle Umstellung mit einer erhöhten Sensibilität und Emotionalität
  • Eine radikale Veränderung des Alltags und häufig auch der sozialen Kontakte
  • Die Verarbeitung des Geburtserlebnisses
  • Die körperliche Erholung und Regeneration nach der Geburt
  • Das in Gang kommen der Milchbildung und das Stillen selbst
  • Die Anpassung an die (neue oder erneute) Rolle als Mutter und die neue Familiensituation.

 

Das ist eine ganze Menge an Aufgaben und Veränderungen!
Als Wöchnerin brauchst du daher vor Ruhe, Geduld und Zeit. Mit dir selbst, deinem Baby und deinen Anforderungen und Erwartungen, die du bewusst oder unbewusst an dich oder dein Umfeld, den Haushalt, usw. stellst.
Ja, du verbringst Hochleistungen durch all die Umstellungs- und Rückbildungsvorgänge. Aber genauso tut dies auch dein Baby. Es muss sich umstellen von der Welt in deiner Gebärmutter, die so geborgen und beschützt war, auf das Leben ausserhalb. Vom rund-um-Sorglos-Paket mit stetiger Essenslieferung durch die Nabelschnur, 24 h gehalten und getragen zu sein unter deinem Herzen und beständigen 36° Umgebungstemperatur auf Hunger, Verdauung, Hell, kalt, ungefilterte Reizwahrnehmungen und unterbrochenem Körperkontakt. Auch dein Baby braucht Ruhe, Zeit und deine Geduld.

 

Gibt es in der Zeit des Wochenbetts zu viel „Action“ und Stress, sind Probleme meist vorprogrammiert. Häufiger kommt es dabei zum Beispiel zu

  • einer verzögerte Rückbildung  und Beckenbodenschwäche
  • einer ungenügenden Milchproduktion und wiederkehrende Milchstaus oder Brustentzündungen
  • dem Gefühl der Überforderung und depressiven Verstimmungen
  • dem nicht Erkennen und Eingehen auf die Signale und Bedürfnisse des Babys und dadurch vermehrtes Schreien.

 

 

Flitterwochen mit deinem Baby

Stelle dir ein frisch verliebtes Paar vor oder erinnere dich daran zurück, wie es war als du frisch verliebt warst: es zählt nichts anderes mehr, die Zeit bleibt stehen, du schwebst auf rosaroten Wolken und am liebsten würde man die ganze Zeit nur aneinanderkleben, kuscheln, sich anschauen und kann die Hände nicht voneinander lassen. Ihr seid auf einem anderen Stern.

So entsteht auch das Liebesband zu deinem Baby. Ihr braucht Zeit, Zeit zum Kuscheln, dein Baby Haut auf Haut zu spüren, Zeit euch zu betrachten und euch kennenzulernen.

Ihr braucht Ruhe – vor der lauten, hektischen Welt die auch angesichts des Wunders der Geburt eures Babys nicht langsamer wird und einen Moment innehält, vor neugierigen, störenden oder aufdringlichen Besuchern (wer käme denn auf die Idee ein frisch vermähltes Paar in seinen Flitterwochen zu besuchen -zum Gratulieren oder „nur mal kurz vorbeischauen“?)

Und du brauchst Geduld, um die Sprache und die Bedürfnisse deines Babys verstehen zu lernen, Geduld wenn deine Pläne und Vorstellungen vom Leben mit Kind so gar nicht mit der aktuellen Realität übereinstimmen.

Mit etwas Vorbereitung und Unterstützung kannst du dir auch im Hier und Heute den Zauber des Wochenbetts zurückerobern und die Flitterwochen mit deinem Baby und als neugeborene Familie genießen.

Wie du das ganz praktisch umsetzen kannst, dazu schreibe ich dir demnächst meine besten Tipps.

 

 

 

 

 

Buchempfehlungen:

Alles rund ums Wochenbett: Hebammenwissen für die ersten Monate nach der Geburt

Das Wochenbett: Alles über diesen wunderschönen Ausnahmezustand. Für Mütter und Väter

 

       

 

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