Der Geburtsstillstand: Warum die Geburt manchmal nicht weitergeht

Unser heutiger Lebensstil erwartet Sicherheit, Garantie und vor allem Kontrolle. Wir meinen, die Natur und ihre Rhythmen überwinden zu können oder müssen. Dass auch die Geburt ein mechanisch-mathematischer Vorgang wäre, kommt durch die Auffassung der wissenschaftlichen Strömungen im 18. Jahrhundert, deren männliche Sichtweise und mechanistische Auffassung vom menschlichen Körper das Bild der Geburt veränderten: Die Geburt soll immer gleich, programmierbar und linear sein. Diese Einstellungen berücksichtigen nicht die sich ständig ändernden Dynamiken eines lebendigen Körpers und das Zusammenwirken von Körper und Geist.

Maschinen und Geräte überwachen und kontrollieren Frau und Baby, die Eigenwahrnehmung der Frau rückt immer weiter in den Hintergrund und gilt als wenig verlässlich.

Der dynamische, rhythmische Prozess der Geburt wird auf diese Weise starr und linear in Zeitfenster gedrängt. Passt der Verlauf nicht ins Schema, werden medizinische Maßnahmen ergriffen und/ oder das Kind operativ zur Welt gebracht.

In der modernen Geburtshilfe spricht man heute bei ca. einem Viertel aller Geburten von einem Geburtsstillstand. Das würde beudeuten, ein Vierteil aller Frauen wären nicht in der Lage, ihr Kind sicher und gut ohne medizinisch-technische Möglichkeiten zur Welt zu bringen.

Den Geburtsstillstand auf eine Wehenschwäche oder ein Missverhältnis zu reduzieren (also dass das Baby zu groß ist, um durchs Becken zu kommen), wird dieser komplexen Problematik in keiner Weise gerecht.

 

Geburtsstillstand oder Geburtspause?

 

Der konstruktive Geburtsstillstand – die Geburtspause

Kommt es während der Geburt zu einer Wehenschwäche, also dass die Wehen in ihrer Stärke nachlassen und es zu größeren Pausen zwischen den Wehen kommt, gibt es dafür einen Grund. Das kann zum Beispiel eine Erschöpfung der gebärenden Frau sein, oder auch bestimmte oder unklare Ängste. Da ohne ausreichende Wehentätigkeit natürlich kein Kind geboren werden kann, wird diese Wehenschwäche meist automatisch mit einer künstlichen Anregung der Wehen durch Oxytocin bekämpft.

Eine Wehenschwäche kann aber auch als eine Pause von der Geburt durchaus konstruktiv sein. Die Gebärende braucht möglicherweise eine Phase der Erholung, bevor sie noch einmal ihre ganzen Kräfte mobilisieren kann, um ihr Kind zur Welt zu bringen. Ähnlich einem Wanderer, der sich vor dem finalen Aufstieg auf die Bergspitze auf einer Bank ausruht, um danach gestärkt den Weg zu Ende zu gehen.

Nicht jede Pause muss bekämpft werden. Wir sollten bedenken, dass unser Körper uns Zeichen sendet, die wir beachten müssen, damit es nicht zu noch größeren Problemen kommt. Mit einer Wehenschwäche reagiert der Körper auf irgendwelche Störfaktoren. Nach diesen sollten wir suchen und sie wenn möglich beseitigen, sodass die Geburt ungestört ihren normalen Verlauf nehmen kann.

Der destruktive Geburtsstillstand – wenn es nicht mehr weitergeht

Nicht jeder Geburtsstillstand ist jedoch eine konstruktive Pause. Deswegen muss man genau unterscheiden, um welche Form des Geburtsstillstands es sich handelt, um die richtigen Maßnahmen zu treffen. Wird bei einem destruktiven Geburtsstillstand zu lange abgewartet, bedeutet dies eine Gefahr für die Mutter und das Kind. Zum Beispiel…

…wenn das Kind in einer geburtsunmöglichen Lage ist und keine andere Position einnehmen kann.

…wenn das Kind bei starken Wehen gegen ein Geburtshindernis gepresst wird, dem es nicht ausweichen kann.

 

 

Gründe für einen Geburtsstillstand

Sowohl die Mutter als auch das Kind, welches aktiv an seiner Geburt teilnimmt, können einen Geburtsstillstand beeinflussen.

 

Mütterliche Faktoren:

  • Eigene traumatische Geburt:

Wir erinnern uns nicht bewusst an unsere eigene Geburt zurück. Dennoch sind alle Erinnerungen daran in unserem Körper und unserer Seele gespeichert. Die Geburt ist ein tiefgreifendes Ereignis im Leben für die Mutter und für das Kind. Lange Zeit wurde das Kind bei der Geburt nur als Objekt angesehen, unfähig etwas zu fühlen, das hat sich inzwischen Gott sei Dank geändert.
Dennoch wird einem traumatischen Geburtserlebnis für das Kind immer noch kaum Beachtung geschenkt. Kommt es später im Leben zu einer ähnlichen Situation, also zum Beispiel die Geburt des eigenen Kindes, kann das alte Geburtstrauma wieder stimuliert werden. Diese Erfahrung zeigt sich oft nur in Körperempfindungen, -Symptomen oder unklaren Ängsten und kann zu einem Geburtsstillstand führen.

  • Sexuelle Traumatisierung:

Es ist unvorstellbar, aber mindestens jede 5. Frau hat eine sexualisierte Gewalterfahrung im Kindesalter erlitten, dazu kommen Frauen, denen sexuelle Gewalt im Erwachsenenalter widerfährt. An einen frühen sexuellen Missbrauch können sich 1/3 der Frauen nicht erinnern.
Während der Geburt kann es zu einer Trauma-Reaktivierung kommen – durch Schmerzen, Kontrollverlust und Ausgeliefertsein, oder durch Kommandos wie „Entspannen Sie sich doch mal“.
Die wenigsten Frauen haben nach ihrer sexuellen Traumatisierung eine Therapie erhalten und werden auch in der Schwangerenvorsorge nicht gezielt nach ihrer Vorgeschichte gefragt. Dies wäre besonders wichtig, um die Frau auf ihrem Weg zu unterstützen und einen vertrauensvollen und geschützten Rahmen zu schaffen, der eine Re-Traumatisierung vermeidet.

  • Missverhältnis und unzureichendes Platzangebot im Becken:

Allgemein sind Mutter und Kind so gut für die Geburt ausgestattet und können sich durch eine gewisse Beweglichkeit des Beckens, bzw. eine Anpassung des kindlichen Kopfes, auf die jeweiligen individuellen Gegebenheiten einstellen, dass das Kind gut geboren werden kann.
Ein Missverhältnis, also dass das Kind zu groß ist und nicht normal durchs Becken passt, ist die häufigste Begründung für einen Kaiserschnitt nach einem Geburtsstillstand.
Ein echtes Missverhältnis ist aber sehr selten und kann zum Beispiel auftreten, wenn es einen extremen Größenunterschied zwischen den Partnern gibt – meistens durch eine unterschiedliche ethnische Zugehörigkeit (z.B. kleine Asiatin und großer Europäer), wenn durch einen nicht gut eingestellten Diabetes das Kind übermäßig groß ist, durch eine starke Fehlernährung, oder auch durch kindliche Erkrankungen.
Viel häufiger als ein unzureichendes Platzangebot des knöchernen Beckens sind aber Blockaden, Fehlspannungen und Dysbalancen im Bereich der Gelenke (Iliosakralgelenke), Muskeln und Bänder im Beckenbereich. Diese können zum Beispiel so verkürzt und unbeweglich sein, dass sie die Geburt unnötig erschweren oder gar unmöglich machen.
Um dies zu verhindern, sollte in der Schwangerschaft ein besonderes Augenmerk auf die Beweglichkeit des Beckens gelegt werden und bei Bedarf der Schwangeren gezielte Übungen und Therapiemöglichkeiten (z.B. Osteopathie) nahegelegt werden.

 

Kindliche Faktoren:

  • Einschränkung der kindlichen Beweglichkeit:

Das Kind ist durch seine eigenen Bewegungen aktiv am Geburtsverlauf beteiligt. Es „dreht“ sich beispielsweise durchs Becken und beugt sein Kinn zur Brust.
Diese vorgesehenen Bewegungen können aber durch unterschiedlichste Ursachen eingeschränkt sein und dadurch zu einem Geburtsstillstand führen.
Zum Beispiel können einige Medikamente/ Anästhetika durch die Plazenta auch zum Kind gelangen und die Bewegungen einschränken.
Das Kind kann aber auch passiv werden, wenn es sich allein gelassen fühlt:
wenn die Mutter den Kontakt zu ihrem Baby verliert,
wenn das Kind Angst oder Schmerzen hat,
wenn es zur Geburt gedrängt wird, zu einem Zeitpunkt wo es noch nicht bereit ist (Geburtseinleitung).
Durch eine bewusste Kontaktaufnahme zum Kind während der Schwangerschaft und Geburt kann die gegenseitige Beziehung gestärkt und dadurch die Geburt für die Mutter und das Kind erleichtert werden.
Einschränkungen der Beweglichkeit des Kindes können jedoch auch zum Beispiel durch Nabelschnurumschlingungen oder eine ungenügende Versorgung durch die Plazenta vorkommen.

Geburtshilfliche Faktoren:

Nicht immer liegt die Ursache für den Geburtsstillstand bei Mutter oder Kind. Es können auch andere Faktoren eine Rolle spielen:

  • Ungünstige Beziehungskonstellation im Kreißsaal:

Auch (Anti-)Sympathien und die Beziehungen zu anderen bei der Geburt anwesenden Personen können einen Einfluss auf den Geburtsverlauf haben. Da gäbe es zum Beispiel die Hebamme, die Ärztin, sowie den Partner oder andere Begleitpersonen. Wird eine Person als Art Störfaktor wahrgenommen und die Gebärende hat das (oftmals unbewusste) Gefühl, sich in dieser Umgebung nicht öffnen zu können, kann dies zu einer verzögerten Geburt oder gar einem Geburtsstillstand führen.

  • Medizinische Eingriffe ohne dringende Notwendigkeit:

Alle Eingriffe und Medikamentengaben ohne medizinische Notwendigkeit in den normalen Geburtsverlauf, können das hochkomplexe System der Geburt so empfindlich stören, dass es zu einem Stillstand der Geburt kommt. (Geburtseinleitung, Wehenmittelgabe, PDA, Eröffnung der Fruchtblase…)

  • Ungenügende Betreuung während der Geburt:

Wenn durch Zeit- oder Personalmangel die Geburt nicht kontinuierlich betreut werden kann, kann es vorkommen, dass frühe Hinweise auf Probleme nicht erkannt und dementsprechend nicht auf sie reagiert wird. Zum Beispiel durch eine gezielte Lagerung und Bewegungen der Frau, wenn sich das Kind nicht optimal einstellt (Einstellungsanomalien wie bspw. eine hintere Hinterhauptslage).
Lese hier weiter, wenn du wissen willst, wie du dein Baby in die optimale Geburtslage bringst.

 

 

Buchempfehlung zum Weiterlesen:

Der Geburtsstillstand als komplexes Problem der modernen Geburtshilfe von Sven Hildebrand

Kommentare

  1. Monika Maccioni-Meier

    Bei einer meiner Begleitungen als Doula in Dubai, habe ich diesen Geburtsstillstand erlebt. Allerdings würde ich eben sagen, dass es eine Geburtspause war. Die Gebärende wollte sich nach fast vollständiger Eröffnung einfach hinlegen. Das hat sie dann gemacht und die Wehen waren praktisch weg. Zum Glück waren die Hebammen gerade sehr beschäftigt, so dass sie für eine Weile nicht in den Raum kamen. Ich war ganz im Vertrauen, dass diese Gebärende eine Pause geschenkt bekommt, bevor sie ihr Kind gebären wird. Und so war es auch…nach ca. 15 Minuten waren die Wehen wieder da, so dass sich die Frau in den Vierfüsslerstand begab um ihr Kind zu gebären. Nicht immer muss „etwas gemacht“ werden!

    1. anna

      durfte die sich bewegen ;o ich musste in saudi arabien mein kind zur welt bringen .. schreckliche erfahrung 🙁 erst wurde zwangseingeleitet mit zaepfchen 2 gruende ich war ueber den errechneten termin den man mir in oesterreich in der 8.ss woche gegeben hatte es wurden dort nur blutuntersuchungen gemacht keine us oder sonstiges.. nur 3 tage vor der einleitung noch ein us .. dann wurde eingeleitet und ich wurde alleine gelassen irgendwann war ich muede vor schmerzen und kautt vom hin und hergelaufe und ich rief per knopf jemanden es dauerte noch einige zeit dann waren alle in aufregung 9cm eroeffnung schnell schnell und dann ging es in den eh ueberfuellten kreissaal 😮 ich dachte es waer wie in europa jeder ein eigenes zimmer… naja andere laender andere sitten man war mit vorhaengen getrennt .. dann wurde man auf eine liege verfrachtet und die fruchtblase wurde eroeffnet weiss nicht wozu das fuehren soll? dann hies es warten auf arzt und liegen bleiben zudem war man ja an das ctg usw angeschlossen und konnte eh sich nicht bewegen …somit wartete ich und wartete mit schrecklichen schmerzen irgendwann war mir schwarz (bekomme im liegen schlecht luft wegen zugrosser schilddruese kropf nach innen und entzuendeten mandeln) kurzdarauf war ich wieder bei mir hatte eine sauerstoffmaske an und endlich durfte ich auf der seite liegen aber nur fuer den kurzen augenblick .. dann hiess es pressen aber ich spuerte nichts mehr ??? herztoene des kindes waren zudem auch noch schlecht und man entschied sich fuer ein not kaiserschnitt da ich auch schon zu viel blut verloren hatte war alles sehr grenzwertig.. meinkleiner kam mit 50cm und 3 kg zur welt hatte schlechte blutwerte starke gelbsucht …

      1. Olivia

        Liebe Anna,

        Was für eine schreckliche Erfahrung, die du da machen musstest! Das tut mir sehr leid für dich!
        Die ganze schlechte Betreuung und dann auch noch diese Abtrennung durch Vorhänge – wirklich furchtbar.
        Ich glaube da sind auch keine / kaum Hebammen bei der Geburt dabei, oder?
        Ich hoffe, du konntest das Erlebnis mittlerweile etwas aufarbeiten und dass es deinem Sohn und dir nun gut geht!

        Alles Liebe
        Olivia

    2. Olivia

      Liebe Monika,

      Wie schön wieder etwas von dir und deiner Erfahrung zu hören! Vielen Dank für deinen Kommentar.
      Das war wohl wirklich eine ganz beispielhafte Geburtspause – schön, dass du so im Vertrauen warst!

      Alles Liebe

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