Warum du dein Baby nicht verwöhnen kannst

Über wenige Themen wird so ausdauernd diskutiert wie darüber, ob, wie oder ab wann man ein Baby verwöhnen kann. Große Verunsicherung macht sich besonders unter Müttern breit, was man möglichst tun und lassen sollte um dem kleinen Menschlein keine schlechten Verhaltensweisen anzugewöhnen. Und es scheint, jeder hat zu diesem Thema seine Wahrheit gefunden, die er gerne und ungefragt unter allen frischgebackenen Eltern teilt, um diese möglichst früh vor dem Verwöhnen zu warnen.

Schauen wir uns das Thema also etwas genauer an:

 

Was genau bedeutet eigentlich „Verwöhnen“?

Ein Problem in dieser Diskussion ist häufig auch, dass die gegenüberliegenden Parteien eine andere Vorstellung und Definition von Verwöhnen haben und daher aneinander vorbeireden.

Fragen wir also jemanden, der es wissen muss – den Duden:

 

Verwöhnen:

  1. jemanden durch zu große Fürsorge und Nachgiebigkeit in einer für ihn nachteiligen Weise daran gewöhnen, dass ihm jeder Wunsch erfüllt wird.
    (Beispiel: Dein Kind schreit im Einkaufsladen, weil es ein Spielzeug/ eine Süßigkeit haben will. Um kein Theater zu haben, wird diesem Wunsch immer nachgegeben).
  2. durch besondere Aufmerksamkeit, Zuwendung dafür sorgen, dass sich jemand wohlfühlt.
    (Beispiel: Du hast beobachtet, dass dein Kind in letzter Zeit besonders gerne Krankenhaus spielt. Du nimmst dir am Mittag extra Zeit, um dies mit deinem Kind gemeinsam zu spielen und kochst anschließend vielleicht auch noch das Lieblingsessen deines Kindes).

Verwöhnen kann also etwas besonders Schönes sein, oder sich eben auch ungünstig auswirken.
Es kommt immer auf den Zusammenhang an. Die Frage dabei ist, ob eine Sache zur Gewohnheit wird, um es dem anderen oder sich selbst „leicht“ zu machen – oder wird eine Sache bewusst gemacht, weil man weiß der anderen Person damit eine Freude zu machen. Ob Groß oder Klein, jeder liebt es auf diese Art verwöhnt zu werden und es tut gut!
In diesem Artikel sprechen wir nun aber von der ersten Art des Verwöhnens, die sich auf eine nachteilige Weise auswirkt.
Bei größeren Kindern fällt es uns im Allgemeinen leicht zu verstehen, dass und meist auch wie dieses in negativem Sinne verwöhnt werden kann.
Bei Babys jedoch gibt es jedoch immer wieder Verunsicherungen zu diesem Thema.

 

Kann man ein Baby verwöhnen, wenn man es…

  • sofort hochnimmt, wenn es weint?
  • nach Bedarf statt nach festen Zeiten stillt/ füttert?
  • zum Schlafen nicht in seinem eigenes Bettchen legt, sondern es im Familienbett schläft?
  • viel trägt, z.B. im Tragetuch/ in einer Tragehilfe?

 

Ein Baby kommt nun bekanntermaßen als völlig hilfloses Lebewesen auf die Welt. Es ist sich noch nicht einmal darüber bewusst, eine eigenständige Person zu sein. Ebenso hat es kein Zeitgefühl und lebt ausschließlich im „Jetzt“.
Es kann sich nicht selbstständig fortbewegen, sich nicht selbständig Nahrung suchen, nicht mit Worten kommunizieren und nicht selbst für seine Sicherheit sorgen. Sein gesamtes Überleben hängt von seiner Mutter (oder einer wohlwollenden Bezugsperson) ab.
Eines kann es dafür aber ziemlich gut: Schreien. Und zwar laut und ausdauernd. Ein schreiendes Baby löst bei allen Anwesenden, besonders aber bei der Mutter, eine solche Stressreaktion aus, dass sie mit jeder Faser ihres Körpers versuchen will, umgehend das schreiende Baby zu beruhigen und ihm zu geben, was es brauchen könnte. Instinktiv und völlig zurecht. Denn ein Baby braucht feinfühlige und verlässliche Antworten auf seine Bedürfnisse.

In diesen ersten Lebensmonaten und Jahren werden die Weichen für die weitere Gehirnentwicklung gestellt. Wird ein Baby zum Weinen viel alleine gelassen, gerät sein System schneller in Stress. Erwachsene, die in ihrer frühen Baby- und Kindeszeit keine angemessene Reaktion auf ihr Weinen erhielten, reagieren stärker auf Stress, sind weniger empathisch, neigen häufiger du Depressionen und es fällt ihnen schwerer, sich selbst zu regulieren.

Lange Zeit wurde Eltern jedoch vor lauter „Verwöhn-Angst“ suggeriert, dass sie das Menschlein bereits als Säugling verziehen und an schlechtes Verhalten gewöhnen, wenn sie umgehend auf sein Weinen reagieren oder ihm besonders viel Nähe zukommen lassen.

 

Kannst du dein Baby mit Stillen und Tragen oder zu viel Nähe verwöhnen?

In mehr oder weniger ständigem Körperkontakt mit der Mutter oder einer anderen Bezugsperson zu sein, ist für ein Baby der Normalzustand. Auch Nachts. Es kommt praktisch mit dieser Erwartung auf die Welt. Denn Nähe bedeutet Sicherheit. Und Sicherheit kann ein Baby nur körperlich erfahren. Es muss spüren, dass da jemand ist, der sich um es kümmert. Es spürt nicht das Babyphone neben dem Bettchen liegen und weiß nicht einmal, dass seine Eltern überhaupt noch existieren, wenn sie sich nicht in spürbarer, also körperlicher Nähe, befinden.
Zum Weiterlesen: Das Familienbett oder warum Babys nicht alleine schlafen möchten

Wenn ein Baby schreit denkt es nicht: „Kann mal einer herkommen, der mir etwas besonders Gutes tut und mich etwas verwöhnt“?
Es spürt nur Angst.

Ein Säugling bildet auch nicht die Verknüpfung: „Aha, immer wenn ich schreie werde ich hochgenommen/ gestillt – also schreie ich einfach immer um meine Eltern zu dem zu bewegen was ich will“.
Es spürt nur Sicherheit, wenn auf sein Schreien reagiert wird.

Und ebenso wenig wird sich der Säugling der aufhört zu schreien, nachdem niemand auf ihn reagiert hat denken: „Ach ich sehe es ein, meine Eltern sind ja nur im Nebenzimmer und diese Wohnung scheint  sehr sicher zu sein, dann schlafe ich jetzt ein.“
Vielmehr schaltet er instinktiv vom Bindungsverhalten in das Selbsterhaltungsverhalten um, um sein Überleben zu sichern. Denn schreien kostet eine Menge Energie.

 

Nähe tut gut, und zwar nicht nur dem Baby, sondern auch der Mutter: ihre intuitiven Fähigkeiten werden gestärkt, das Liebeshormon Oxytocin vermehrt ausgeschüttet und sogar eine Wochenbettdepression tritt seltener auf, wenn Mutter und Kind in engem körperlichen Kontakt miteinander sind.

Viele Schlafstörungen sowie Fütterungs- und Stillprobleme, würden sich wesentlich entschärfen, wenn Eltern die Angst vor Verwöhnung aufgeben und keine künstliche Distanz und Härte zum Kind aufbauen.

 

Woher kommt die Angst vor dem Verwöhnen?

Die Angst vor dem Verwöhnen kann in einem geschichtlichen und in einem erziehungstheoretischen Zusammenhang gesehen werden. Sie ist auch abhängig von der unterschiedlichen Werteordnung einer Gesellschaft.
Die Erziehung diente bald nicht mehr nur der natürlichen Sozialisation in die jeweilige Gesellschaft, sondern verfolgte auch bewusste Zwecke. So werden zum Beispiel in einer leistungsorientierten Gesellschaft Kinder stark unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet.
Bereits mit der Epoche der Aufklärung wurden durch den Einsatz von Maschinen und festgelegten Produktionsabläufen Forderungen laut, die Aufmüpfigkeit von Kindern zu unterbinden und sie zu Gewinnstreben, Fleiß und Unterordnung zu erziehen.
Den Kindern wurde eine ständige Neigung zu Unart und Boshaftigkeit unterstellt und als Erziehungsziel galt somit weniger der Aufbau von liebevollen Beziehungen und Empathie, als vielmehr ein hohes Maß an Gehorsam gegenüber Autoritäten.
Die Bedürfnisse eines Säuglings wirkten auf die uniformierten Erwachsenen auch schon wie ein zielgerichteter Wille.

Der historische Kontext erreichte seinen Höhepunkt zu Zeiten des Nationalsozialismus, als es darum ging, das Kind früh zu Härte und absolutem Gehorsam zu erziehen.

Schon Kinder mussten funktionieren, sich unterordnen und anpassen.
Die Erziehungsvorstellungen beinhalteten, dass der Deutsche hart zu sich selbst und anderen zu sein hat. Demnach sollte schon die Erziehung des Säuglings eine harte sein.
Wenn das Kind schrie wurde geraten:

„Dann, liebe Mutter, werde hart! Fange nur ja nicht an, das Kind aus dem Bett herauszunehmen, es zu tragen, zu wiegen, zu fahren oder es auf dem Schoß zu halten, es gar zu stillen“ (Haarer 1934, S. 158).

„Bei großen kräftigen Kindern sei der Mutter abermals der Rat gegeben: Schreien lassen! Jeder Säugling soll von Anfang an nachts allein sein. Die Eltern müssen dann eben alle Willenskraft zusammennehmen und, nachdem das Kind gut versorgt wurde, sich die Nacht über nicht sehen lassen.  (Haarer 1939, S. 171).

 

Es gab auch die Warnung vor zärtlichen, mütterlichen Gefühlen, da „solche Affenliebe“ das Kind wohl „verziehen“ aber nicht „erziehen“ würden.

Diese Ansichten wurden noch Generationen weitergegeben, sodass sie selbst heute noch in abgeschwächter Form durch die Köpfe mancher Menschen kreisen.

 

Die Zeiten, das Leben und die Vorstellungen über Kindererziehung haben sich Gott sei Dank geändert.
Wir müssen heute nicht mehr davon ausgehen, dass das Kind als kleiner Tyrann geboren wird, den es zu bändigen gilt. Sondern wissen, dass Kinder durch gute Beziehungen, Liebe und Feinfühligkeit zu gesunden und ausgeglichenen Erwachsenen heranwachsen.

 

Schadet es meinem Baby, wenn ich es mal 5 Minuten schreien lasse?

Natürlich wird dein Kind keinen Schaden davontragen, wenn du nicht immer sofort zur Stelle sein kannst: Manchmal ist man eben mal unter der Dusche oder hat gerade nicht die Hände frei. Das ist ganz normal. Dein Babys benötigt keine ungeteilte Aufmerksamkeit rund um die Uhr, sondern eine Beziehung, die durch Vertrauen und Liebe geprägt ist.
Wird das Baby im alltäglichen Umgang in seinen Signalen wahrgenommen und erhält auf diese eine angemessene und prompte Reaktion, wird dieser sichere Hafen nicht ins Wanken geraten, wenn du zwischendurch mal kurz verhindert bist.
Es ist ein natürlich ein Unterschied, ob die Äußerungen das Babys nicht wahrgenommen werden (z.B. durch Ignorieren oder fehlendes Einfühlungsvermögen) oder ob aus einer sicheren Basis heraus die sofortige und vollständige Erfüllung des Wunsches des Babys in einem bestimmten Moment nicht möglich ist.

Wir alle möchten ernstgenommen werden von unseren Mitmenschen. Auch unsere Kinder!

 

 

Wann wird aus Zuwendung Verhätschelung/ Verwöhnung?

Verwöhnt nennen wir Kinder die mehr bekommen als sie brauchen und mehr, als gut für sie ist. Kinder die es gewohnt sind, dass immer jemand an ihrer Stelle tut, was sie längst selbst tun könnten“
sagt dazu treffend der Kinderarzt Herbert Renz-Polster.

Das kann zum einen in Form von materiellem Überfluss geschehen. Aber auch, dass dem Kind eigene Erfahrungen nicht zugetraut oder zugemutet werden wollen. Dass es unter ständiger Beobachtung eines Erwachsenen steht, der in jedes Vorhaben des Kindes sofort eingreift, ihm jegliche Anstrengung aus dem Weg räumt, oder es für jede Nichtigkeit überschwänglich lobt.
Das kann aus Bequemlichkeit, ständiger und übermäßiger Angst vor Gefahren, oder um Konfrontationen aus dem Weg zu gehen, geschehen.
Die Selbstständigkeit des Kindes sowie dessen Interesse an eigenem Erforschen, Entdecken und Ausprobieren wird damit im Keim erstickt.
Es ist offensichtlich, dass das Kind dadurch kein normales Selbstbild entwickeln kann.

Ein Baby, welches naturgegeben noch nicht in der Lage ist etwas selbst zu tun, kann auch noch nicht verwöhnt werden.
Gerade in der ersten Lebenszeit brauchen Babys und Kinder eine verlässliche Umgebung aus Nähe und Sicherheit und ein Gegenüber, der feinfühlig und achtsam auf das Kind eingeht.
Aus dieser Sicherheit heraus kann es sich dann auch Neuem zuwenden. Dafür braucht es neben liebevoller Zuwendung auch Zutrauen, Herausforderungen meistern zu können.

 

Wie kann ein Kind selbstständig werden bei so viel Nähe?

Kinder (und auch Babys – in geringerem Umfang) haben nicht nur das Bedürfnis nach Nähe, sondern auch daran, ihre eigenen Kräfte und Möglichkeiten zu entdecken und die Welt um sie herum zu erforschen. Dieses Interesse kommt aus dem Kind selbst. Somit ist der Weg in die Selbständigkeit ein natürlicher und vom Kind eingeleiteter Prozess. Kinder wachsen nicht nur am Behütetsein!
„Kinder wollen gar nicht verwöhnt werden. Sie wollen groß und kompetent werden“.

Zuwenig Zutrauen in das Kind verwöhnt dieses und hält es in Abhängigkeit.

Alles zu seiner Zeit!
Wichtig ist, die Schritte deines Kindes zur Selbständigkeit nicht durch Überfürsorge oder ständige Angst zu behindern und die sich verändernden Bedürfnisse deines Kindes wahrzunehmen.

 

 

Du möchtest noch mehr Infos?
Diese Studien beweisen, dass du dein Baby nicht verwöhnen kannst:

  • Bei einer an 600 Personen durchgeführten Studie zeigte sich, dass Erwachsene, die als Babys beim Weinen allein gelassen wurden, häufiger zu gestressten  Erwachsenen werden, die anfällig für Depressionen sind. Viel Körperkontakt, Getragen-werden und Berühren ist das, was Babys für Ihre gesunde Entwicklung erwarten. 2016, Prof. Darcia Narvaez, University of Notre Dame.
  • Eine Studie der Brown University in Rhode Island Studie zeigt, dass Kinder von Müttern, die während der ersten Lebensmonate schneller auf das Schreien ihrer Babys reagierten, mit eineinhalb Jahren sprachlich und intelektuell besser entwickelt waren.
  • Eine 1995 durchgeführte Studie an der Universität von Conneticut beobachtete Mütter und ihre Babys innerhalb der ersten 6 Wochen nach der Geburt und erneut nach einem Jahr. Es stellte sich heraus, dass die Babys, deren Mütter früh auf die Signale ihrer Babys reagierten, mit einem Jahr deutlich kommunikativer waren.
  • Eine weitere 1995 durchgeführte Studie in Manchester, UK, fand heraus, dass ein schnelles Reagieren auf das Schreien von Babys dazu führte, dass diese insgesamt weniger schrien.
  • Untersuchung Bell&Ainsworth
    Babys die das Schreien aufgegeben haben sind dennoch stark gestresst: Studie zum Einfschlaftrining nach Ferber
  • Für Frühgeborene ist die Wichtigkeit des Hautkontakts schon länger bekannt. Die positiven Auswirkungen der Känguruh-Pflege (z.B. besseres Wachstum, stärkeres Immunsystem) sind noch 20 Jahre später deutlich sichtbar, wie diese Langzeitstudie verdeutlicht. Babys aus der Känguruh-Pflege, zeigten später außerdem auch ein größeres Volumen des linken Nucleus caudatus (Struktur im Großhirn).

 

 

 

Höre auf dein Herz

Höre auf dein Herz und entscheide so, wie es sich für dich richtig anfühlt.
Lass deine Gedanken nicht von anderen bestimmen.
Du weißt am Besten, was dein Baby braucht – Genießt eure gemeinsame Kuschelzeit!

 

 

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Meine Buchempfehlung für dich:

Menschenkinder: Artgerechte Erziehung – was unser Nachwuchs wirklich braucht

 

Bildquelle: evitaworks

Kommentare

  1. Laura

    Ein sehr toller Beitrag! Der mir persönlich eine große Hilfe war, da das meine größte Sorge war = mein Baby zu verwöhnen!

  2. Pingback: Trösten und Beruhigen - wenn Babys weinen Hebammenwissen.info

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